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Aus der Geschichte des Kindergartens

Folgender Abschnitt stammt aus der Festschrift der Kreuzgemeinde zum 70. Jahrestag der Einweihung des Kreuzgemeindehauses , mit der auch der Kindergarten seinen Betrieb aufnehmen konnte. Verfasser ist Pfarrer i. R. Siegfried Schulze:


Am 1. August 1933 wurde der evangelische Kindergarten im Kreuzgemeindehaus eröffnet. Die Leitung übernahm die 28-jährige Kindergärtnerin und Hortnerin Emma Demmel. Als sie ihren Dienst antrat, war außer den Räumlichkeiten buchstäblich nichts vorhanden, was zur Kindergartenarbeit gebraucht wird. In Folge der Arbeitslosigkeit fehlten die Mittel. Das Spielzeug fertigte die junge Leiterin selbst an. Es grenzte jedoch an ein Wunder: Die Kinder kamen in hellen Scharen. Ursprünglich war an eine Kapazität von 40 Kindern gedacht worden. Doch am Eröffnungstag standen 60 Kinder vor der Tür. Diesen Kindern gehörte bei all ihrer Strenge fortan das Herz von "Tante Emmi". Zu den Kindergarten-Eltern, die zu Eltern- und Bastelabenden eingeladen wurden, entstand ein vertrauensvoller Kontakt. Bald hatte "Fräulein Demmel", wie sie damals respektvoll genannt wurde, Helferinnen zur Seite. Mit Leib und Seele war sie Kindergärtnerin. Ihre Arbeit mit den Kindern verstand sie als ihr von Gott anvertrauten Dienst für die Gemeinde. Da man sich in vielen Belangen der Gemeinde oftmals zuerst an sie wandte, weil sie im Kirchgemeindehaus tagsüber erreichbar war, wuchs ihr noch so etwas wie die Aufgabe der Gemeindehelferin zu.
Die wochentags leergeräumte Kirche bot Platz für verschiedene Spielecken
Die wechselweise Nutzung derselben Räume durch Gemeinde und Kindergarten ist nicht als ein Provisorium angesehen worden. Verlässliche Absprachen und gegenseitige Rücksichtnahme bildeten die Voraussetzung für ein reibungsloses Miteinander. Die Mitarbeiterinnen waren geübt, in drei oder vier Gruppen im Kirchsaal, nur durch dünne Stellwände getrennt, mit den Kindern Beschäftigungen durchzuführen. Natürlich ist das gelegentlich auch schwierig gewesen. Auf der anderen Seite mussten die Mitarbeiter mindestens am Wochenende "die Kirche" einräumen bzw. wieder ausräumen, damit am Montag in aller Frühe der Kindergarten für die Kinder öffnen konnte. Nach Gemeindeveranstaltungen mitten in der Woche legten die Gemeindeglieder oftmals beim Räumen mit Hand an. Die räumlichen Bedingungen hielten so die Gemeinde auch immer in Bewegung.
Die Schlafplätze für die Mittagsruhe wurden ebenfalls im Kirchenschiff eingerichtet.
Hinter dem Plan, Kirchgemeindehaus und Kindergarten zu verbinden, stand ein doppelter Gesichtspunkt: Die volksmissionarische Aufgabe der Kirche und die soziale Verpflichtung der Christen. Dieses Konzept hat sich in Dessau-Süd vollauf bewährt. Anfänglich hatte der Kindergarten in unserem Stadtteil noch keine Konkurrenz. Doch später brauchte er sie nicht zu scheuen. Stets konnte er sich eines guten Rufs erfreuen. Das wiederum kam der Gemeinde zugute. Durch den Kindergarten entstanden Kontakte zu vielen Familien. Manche wurden in der Gemeinde heimisch und zu aktiven Gemeindegliedern. Niemals verband sich die volksmissionarische Aufgabe etwa mit Zwang oder auch nur einem "leisen Druck". Aber es gab ein deutliches Angebot, dadurch dass der Kindergarten die biblische Botschaft vermittelte. Die Verbindung mit den jungen Müttern und Vätern schuf Bande, die vielfach dauerhaft gehalten haben. Nicht zu vergessen sei der gute Kontakt zu katholischen Christen, die ihre Kinder unserem Kindergarten anvertrauten. Das sollte sich für beide Seiten, auch für das ökumenische Klima zwischen beiden Gemeinden, als segensreich erweisen.
Bei schönem Wetter konnten die Kinder auf dem Spielplatz ruhen (oben).

Für Abkühlung sorgte das Schwimmbecken. Leider mußte es dem Neubau weichen (links).

Burgenbauen im Sandkasten, Da machen alle mit (unten).
Auch außerhalb der Kirche erwarb sich der Kindergarten einen guten Ruf, sogar in der Schule, wo die kleinen Abgänger des Kindergartens gern aufgenommen wurden. Das gilt unbestritten für den gesamten Zeitraum der 70 Jahre. Als Gemeinde haben wir davon profitieren können. Wir konnten feststellen, dass das Kirchgemeindehaus immer geachtet worden ist. In Süd hatte sich herum gesprochen, in diesem Haus wird eine anerkennenswerte Arbeit geleistet. Dieses Urteil bezieht sich auf die Nazizeit ebenso wie auf die 40 Jahre DDR. Die Öffnung des Kindergartens voraussetzungslos für alle Kinder (so weit Platz vorhanden), trug gute Früchte. Wie viele Menschen sind im Laufe der Jahre durch die Tür des Kindergartens gegangen!
Unserem Kindergarten blieb es nicht erspart, in den Jahren 1942 bis 1945 von der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt), "einkassiert" zu werden? Fräulein Demmel unterstand der NSV, bekam von dort auch ihr Gehalt. "Aber der Geist blieb" . Emma Demmel hielt unverändert an Konzept und Praxis des evangelischen Kindergartens fest. Was zur gleichen Zeit in anderen nichtstaatlichen Einrichtungen, die ein ähnliches Schicksal ereilte, unmöglich schien, gelang in unserem Kindergarten tatsächlich. So brauchen wir von den 70 Jahren des evangelisches Kindergartens in Dessau-Süd diese drei Jahre wahrhaftig nicht abzuziehen!
Die erfreuliche Feststellung, dass das Konzept "Kirche und Kindergarten unter einem Dach" so aufgegangen war, hatte eine ganz wesentliche Voraussetzung: Außer der hoch engagierten Leiterin waren auch allezeit treue Mitarbeiterinnen tätig. Oftmals konnten sie auf die freiwillige Unterstützung durch einige Mütter rechnen. Eines sollte auch nicht vergessen werden: Die Bezahlung in unseren evangelischen Kindergärten lag weit unter dem Gehaltsniveau einer Kindergärtnerin bei der NSV oder später beim Staat und im Betriebskindergarten. So haben wir allen Grund, in großer Dankbarkeit an den Dienst aller unserer Mitarbeiterinnen zu denken, die "ihrem" Kindergarten unbeirrt die Treue hielten.

Im zweiten Teil der Festschrift berichtet Pfarrer i. R. Matthias Richter wie folgt über den Kindergarten :


Angefangen hatte der Kindergarten 1933 wie bereits schon erwähnt mit ganz wenig Personal und bescheidenen Mitteln. Die Mitarbeiterinnen waren für eine ganz kleine Vergütung tätig oder halfen ehrenamtlich mit. Im Haushaltsplan von 1952 war die Summe der geplanten Betriebskosten höher als die vorgesehene Gehaltssumme. Diese Relationen verschoben sich in den folgenden Jahrzehnten. Die Gehaltssumme stieg. Aber die vorhandenen Gelder reichten immer aus, gute Kindergartenarbeit mit Freude zu leisten. Dies war wichtig, denn eine wesentliche Säule für das Entstehen der Gemeinde war die christliche Arbeit mit den Kindern im Kindergarten, mit ihren Eltern ( Elternabende / Feste ) und den Großeltern. Die Gemeinde ist mit ihren Kindern gewachsen und dies war nach 1978 natürlich auch so. Die Kindergartenarbeit in der Kreuzgemeinde ist ein Stück echter guter Volkskirche bis heute. Dafür sorgen die hochengagierten Mitarbeiterinnen, die, sofern sie nicht eine Ausbildung bei der Kirche hatten, nach 1990 alle eine religionspädagogische Zusatzqualifizierung durchliefen. Heute hat der Kindergarten sechs Mitarbeiterinnen. Die Kindergartenjahresfeste, der Weihnachtsgottesdienst, die Oster- und Pfingstgottesdienste, das Erntedankfest und der Nikolaustag mit Besuch des Bischof Nikolaus sind ganz besondere Höhepunkte und bringen oft ein "volles Haus" in unserer Kreuzkirche.
Mit der Wende 1990 kamen entscheidende Veränderungen. Seitdem sind Förderung und Finanzierung unseres Kindergartens vollkommen von staatlichen Fördermitteln abhängig. Es gab bis heute 11 verschiedene neue Kindergartengesetze und Novellierungen, wie die Leiterin des Jugendamtes im Jugendhilfeausschuss am 27.05.03.mitteilte. Diese ständige Anpassung an neue Situationen verlangte von Mitarbeiterinnen, Vorsteher und Gemeindekirchenrat einen großen Einsatz und hohe Flexibilität. Die Doppelnutzung des Gebäudes für Kirche und Kindergarten wurde vom Landesjugendamt Halle am 7. Februar 1994 verboten. Unsere vorläufige Betriebserlaubnis endete am 31. August 1994. Guter Rat war teuer. Der Kindergarten wurde zwischenzeitlich durch Unterstützung des Jugendamtes (Frau Förster, Leiterin) in die Augustenstraße ausgelagert. Schnelle Planungen für einen Ersatzbau auf dem Kindergartenspielplatz begannen. Architekt Jürgen Blohm aus Bergheim, für 10 Jahre in Dessau tätig und Mitglied unserer Gemeinde, erstellte binnen 4 Tagen ein Projekt, mit dem OKR Siegfried Schulze als zuständiger Dezernent im Landeskirchenrat und ich als Vorsitzender des GKR und Vorsteher des Kindergartens zum Sozialdezernenten der Stadt Dessau, Wolfgang Focke, gingen und um Unterstützung für die Erstellung eines Ersatzbaues auf dem Gelände der Kreuzgemeinde baten.
Nach längeren Verhandlungen bekannte sich der Hauptausschuss des Stadtrates einstimmig im August 1994 zu diesem Vorhaben und das Land sagte Fördermittel zu, so dass der Ersatzbau zügig geschaffen werden konnte und am 11. Juni 1995 mit einem Festgottesdienst und Segnung der Räume in Anwesenheit vieler Gäste eingeweiht wurde.
Die traditionelle Kindergartenarbeit wurde in den folgenden Jahren um weitere Felder erweitert. Seit einigen Jahren bildet eine 3- tägige Rüstzeit auf der Öko- Domäne- Bobbe für die zukünftigen Schulkinder den Abschluss der Kindergartenzeit. Der Kindergarten bietet jetzt auch Englisch- Unterricht für die Kinder an. Im Juni 2001 arbeiteten im Kindergarten die Erzieherinnen: Veronika Dessaules, Petra Kunze, Heide Lorenz (Leiterin), Petra Schwochow und Ursula Wosch. Elke Bebber war bereits ab 1981 als Wirtschaftskraft im Kindergarten tätig.
Seit 1998 wird die Kindergartenarbeit durch einen Förderkreis unterstützt, der zur Zeit 35 Mitglieder hat und einzelne Projekte tatkräftig unterstützt. Jetzt wird diese Unterstützung für die Sanierung des Spielplatzes dringend gebraucht (Gesamtumfang: 15.000 EURO).
Drei Jubiläen wurden seit 1978 gefeiert. Zum 50- jährigen Jubiläum am 1. August 1983 feierte Emma Demmel, die erste Leiterin des Kindergartens, mit und berichtete anhand von Fotos von den ersten Anfängen der Arbeit. Damals, am Anfang gab es im Kindergarten nur einige wenige Kinderstühle. Tische wurden erst später angeschafft. Das Spielzeug für die Kinder fertigten die Eltern an Elternabenden selbst an. Der große Kirchsaal verwandelte sich dabei oft in eine Bastelwerkstatt. Ein engagiertes Mitglied unseres Frauenkreises, 1934 Kindergartenkind, zeigte zum Jubiläumsfest das von ihrem Vater damals selbst gefertigte Spielzeug: Puppenmöbel sowie ein Bilderbuch, in dem Postkarten eingeklebt waren.
Die weiteren zwei Jubiläen (60 Jahre und 70 Jahre) wurden mit einem großen Jahresfest begangen, in diesem Jahr zum 70- jährigen Jubiläum mit einem Rückblick auf die Ereignisse der vergangenen 10 Jahre. Eine Festschrift wurde erstellt.

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